Klausur, Klassenarbeit, Test – über Jahrzehnte hinweg waren diese Formate selbstverständliche Bestandteile von Schule. Schülerinnen und Schüler sitzen für eine festgelegte Zeit an ihren Plätzen, bearbeiten dieselben Aufgaben und geben am Ende ein Produkt ab, das von der Lehrkraft bewertet wird. Doch diese Selbstverständlichkeit gerät zunehmend ins Wanken. Nicht zuletzt durch die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz stellt sich die Frage, ob unsere bisherigen Prüfungsformate noch zu einer Lern- und Arbeitswelt passen, in der Informationen jederzeit verfügbar sind und KI innerhalb weniger Sekunden Texte verfassen, Probleme lösen oder Ideen entwickeln kann. Alternative Prüfungsformate erscheinen deshalb attraktiv. Aber funktionieren sie im schulischen Alltag tatsächlich?

Zunächst einmal spricht einiges dafür. Alternative Prüfungsformate können stärker darauf ausgerichtet werden, was Schülerinnen und Schüler tatsächlich können, anstatt lediglich abzufragen, was sie zu einem bestimmten Zeitpunkt reproduzieren können. Präsentationen, Portfolios, Podcasts, Videos, Projektarbeiten, Debatten, Lernprodukte oder Prüfungsgespräche ermöglichen es, unterschiedliche Kompetenzen miteinander zu verbinden. Wer beispielsweise im Fremdsprachenunterricht einen Podcast produziert, muss recherchieren, Informationen auswählen, einen Text adressatengerecht formulieren, sprachlich überarbeiten und schließlich mündlich präsentieren. Ein solches Produkt verlangt deutlich mehr als das bloße Auswendiglernen von Vokabeln oder grammatischen Regeln.

Gerade der Umgang mit Künstlicher Intelligenz macht diese Entwicklung besonders relevant. Ein generelles KI-Verbot bei Prüfungen wird langfristig kaum die einzige Antwort sein können. Schließlich werden KI-Systeme in Studium, Ausbildung und Arbeitswelt zunehmend selbstverständlich eingesetzt. Schule müsste deshalb auch prüfen, wie kompetent Lernende mit diesen Werkzeugen umgehen. Warum nicht beispielsweise die Nutzung von KI erlauben, wenn Schülerinnen und Schüler anschließend dokumentieren müssen, welche Prompts sie verwendet haben, welche Ergebnisse die KI geliefert hat und an welchen Stellen sie diese Ergebnisse verändert, verworfen oder weiterentwickelt haben? Bewertet würde dann nicht ausschließlich das Endprodukt, sondern auch der Arbeits- und Reflexionsprozess.

Genau hier liegt allerdings eine der größten Herausforderungen. Alternative Prüfungsformate sind nicht automatisch besser, nur weil sie digital, kreativ oder projektorientiert sind. Ein aufwendig gestaltetes Video sagt beispielsweise noch wenig darüber aus, wie intensiv sich eine Schülerin oder ein Schüler fachlich mit einem Thema auseinandergesetzt hat. Ebenso stellt sich bei Produkten, die zu Hause entstehen, zunehmend die Frage nach der Eigenleistung. Hat der Schüler den Text selbst geschrieben? Welche Rolle spielte KI? Haben Eltern, Freunde oder andere Personen geholfen?

Deshalb brauchen alternative Prüfungsformate klare Bewertungskriterien und eine nachvollziehbare Prozessdokumentation. Ein Portfolio könnte beispielsweise nicht nur das fertige Ergebnis enthalten, sondern auch erste Ideen, Rechercheergebnisse, Zwischenstände, verwendete KI-Prompts und eine abschließende Reflexion. Ergänzend kann ein kurzes Prüfungsgespräch stattfinden. Wer sein eigenes Produkt erstellt hat, sollte erklären, begründen und verteidigen können, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden. Damit verschiebt sich die Prüfung von der Frage „Kannst du dieses Wissen reproduzieren?“ stärker zur Frage „Kannst du Wissen anwenden, Entscheidungen begründen und deinen eigenen Arbeitsprozess reflektieren?“

Auch für Lehrkräfte bedeutet das allerdings einen Wandel. Alternative Prüfungsformate benötigen gute Aufgabenstellungen, transparente Bewertungsraster und häufig mehr Begleitung während des Arbeitsprozesses. Gleichzeitig muss gewährleistet bleiben, dass Leistungen vergleichbar und fair bewertet werden. Gerade deshalb wäre es problematisch, klassische Klausuren vollständig abzuschaffen. Es geht vielmehr darum, den bisherigen Werkzeugkasten zu erweitern. Eine Klausur kann weiterhin sinnvoll sein, wenn beispielsweise individuelles Schreiben unter Zeitdruck überprüft werden soll. Für andere Kompetenzen kann dagegen eine Projektarbeit, Präsentation oder praktische Aufgabenstellung wesentlich geeigneter sein.

Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb gar nicht: Klassische oder alternative Prüfung? Entscheidend ist vielmehr: Welches Prüfungsformat passt zu der Kompetenz, die wir überprüfen möchten?

Alternative Prüfungsformate können funktionieren – aber nicht als bloßer Ersatz der Klassenarbeit durch ein „cooleres“ digitales Produkt. Sie benötigen klare Ziele, transparente Kriterien, dokumentierte Arbeitsprozesse und Möglichkeiten, individuelle Leistungen sichtbar zu machen. Wenn dies gelingt, können Prüfungen sogar zu einem Teil des Lernprozesses werden, anstatt lediglich dessen Abschluss zu markieren.

Und möglicherweise liegt genau darin ihre größte Chance: Schule würde nicht mehr ausschließlich prüfen, was Schülerinnen und Schüler wissen, sondern zunehmend auch, was sie mit ihrem Wissen anfangen können.

Hier geht es zur Präsentation:

(folgt)